Energiewissen · Beschaffungsstrategie

Energieeinkauf für Großunternehmen: Warum der Stichtag der teuerste Tag im Jahr ist

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In vielen Unternehmen läuft der Energieeinkauf bis heute so: Der Vertrag endet zum
31. Dezember, im Herbst werden Angebote eingeholt, im November wird unterschrieben. Damit hängt
der Strompreis für ein ganzes Jahr an der Marktlage eines einzigen Novembertags. Das ist keine
Strategie, das ist eine Wette — und bei einem Verbrauch im zweistelligen Gigawattstundenbereich
eine mit sechsstelligem Einsatz.

Dieser Beitrag beschreibt, welche Beschaffungsmodelle es gibt, wann welches passt und wie eine
strukturierte Ausschreibung abläuft.

Stichtagsbeschaffung: der Standard, den kaum jemand hinterfragt

Bei der Stichtagsbeschaffung — auch Festpreis- oder Vollversorgungsvertrag — kaufen Sie die
gesamte Jahresmenge zu einem Zeitpunkt zu einem Preis. Der Versorger übernimmt sämtliche
Risiken: Mengenabweichungen, Ausgleichsenergie, Preisschwankungen. Diese Sicherheit lässt er
sich über Risikoaufschläge bezahlen, die im Preis nicht ausgewiesen sind.

Der Vorteil ist echt: ein Preis, eine Unterschrift, kalkulierbare Kosten. Für Betriebe bis
wenige Gigawattstunden ist das meist auch die richtige Wahl. Zwei Nachteile wiegen aber mit
wachsendem Volumen schwer:

  • Sie kaufen zum Zufallspreis. Ob Ihr Stichtag ein guter Tag war, wissen Sie erst hinterher.
  • Sie zahlen für Risiken, die Sie selbst tragen könnten. Der Aufschlag für Mengenrisiko kostet auch dann, wenn Ihr Verbrauch seit Jahren stabil ist.

Tranchenbeschaffung: das Volumen über die Zeit verteilen

Bei der Tranchenbeschaffung teilen Sie Ihre Jahresmenge in Teilmengen — etwa acht Tranchen zu je
12,5 Prozent — und kaufen diese zu verschiedenen Zeitpunkten ein. Der Endpreis ist der
gewichtete Durchschnitt aller Abrufe.

Der Effekt ist derselbe wie bei einem Sparplan an der Börse: Sie treffen weder den besten noch
den schlechtesten Kurs, sondern landen im Mittelfeld — und schalten das Risiko aus, ausgerechnet
am Hochpunkt gekauft zu haben.

Stichtag Tranchen
Preisrisiko vollständig an einem Tag über die Beschaffungsperiode verteilt
Budgetsicherheit sofort, ein fester Preis wächst mit jeder abgerufenen Tranche
Aufwand intern gering laufende Entscheidungen nötig
Risikoaufschlag hoch, aber unsichtbar im Preis niedriger, dafür Struktur- und Servicekosten sichtbar
Sinnvoll ab jedem Verbrauch etwa 10 GWh im Jahr

Wichtig: Tranchenbeschaffung senkt nicht automatisch den Preis. Sie senkt die
Streuung der möglichen Preise. Wer eine Garantie erwartet, immer günstiger zu liegen
als beim Stichtagskauf, wird enttäuscht — wer Planbarkeit über mehrere Jahre sucht, wird belohnt.

Portfoliomanagement: Beschaffung als laufender Prozess

Die nächste Stufe löst sich vom Lieferjahr. Beim Portfoliomanagement werden mehrere
Lieferjahre gleichzeitig bewirtschaftet — Sie kaufen also schon Teilmengen für übernächstes
Jahr, wenn der Markt günstig steht. Dazu gehören:

  • ein Preiskorridor mit definierter Ober- und Untergrenze, innerhalb dessen gehandelt wird
  • Stop-Loss-Marken, bei deren Überschreitung automatisch beschafft wird
  • eine Beschaffungsrichtlinie, die festlegt, wer wann entscheiden darf
  • regelmäßiges Reporting gegen die Budgetplanung

Dieses Modell verlangt Disziplin. Der häufigste Fehler ist nicht die falsche Strategie, sondern
das Abweichen davon: Wenn Preise fallen, wollen alle warten — und wenn sie steigen, will
niemand mehr kaufen. Genau dafür ist die schriftlich fixierte Richtlinie da.

Termin- und Spotmarkt: was Sie über beide wissen sollten

Am Terminmarkt werden Lieferungen für künftige Perioden gehandelt — Quartale,
Jahre. Hier findet die klassische Beschaffung statt. Am Spotmarkt wird für den
Folgetag beziehungsweise innerhalb des Tages gehandelt; dort bilden sich die stündlichen Preise.

Ein vollständiger Spotbezug ist für die meisten Unternehmen keine Option — er würde die
Kostenplanung unmöglich machen. Für Betriebe mit verschiebbaren Lasten kann eine
Spot-Tranche jedoch sehr wirtschaftlich sein: Wer Kälteerzeugung, Elektrolyse oder Öfen zeitlich
steuern kann, verdient an negativen und niedrigen Preisstunden mit. Voraussetzung ist ein
belastbarer Lastgang und die technische Fähigkeit, tatsächlich zu verschieben.

Die strukturierte Ausschreibung

Unabhängig vom Modell entscheidet die Qualität der Ausschreibung über das Ergebnis. Drei
formlose Anfragen per E-Mail liefern drei nicht vergleichbare Angebote. So läuft es strukturiert:

  1. Datengrundlage schaffen. Lastgänge aller Lieferstellen, Bestandsverträge, Netzentgelte, Sonderregelungen wie Entlastungen oder Eigenerzeugung.
  2. Anforderungen definieren. Laufzeit, Beschaffungsmodell, Herkunftsnachweise, Abrechnungsformat, Kündigungsrechte.
  3. Einheitliches Anfrageformat. Alle Anbieter erhalten dieselben Daten und beantworten dieselben Fragen — nur so sind Preise vergleichbar.
  4. Bieterfeld festlegen. In der Regel acht bis fünfzehn Versorger; nicht jeder beliefert jede Netzregion oder jedes Verbrauchsprofil.
  5. Angebote am selben Stichtag abfordern. Preise sind stundenaktuell — Angebote aus verschiedenen Wochen zu vergleichen ist sinnlos.
  6. Auf Vertragsdetails prüfen. Der günstigste Arbeitspreis nützt wenig, wenn Mehr- und Mindermengen ungünstig abgerechnet werden oder eine automatische Verlängerung greift.

Woran Sie einen unabhängigen Berater erkennen

Der Markt für Energieberatung ist unübersichtlich. Diese Fragen schaffen Klarheit:

  • Wie viele Versorger sind im Bieterfeld — und welche? Wer nur drei Namen nennt, arbeitet mit Partnerverträgen, nicht mit dem Markt.
  • Wie werden Sie vergütet? Eine seriöse Antwort ist möglich, auch wenn die Vergütung über den Versorger läuft. Ausweichen ist ein Warnsignal.
  • Bekomme ich die Angebote im Original? Wer nur eine aufbereitete Empfehlung zeigt, macht die Bewertung unüberprüfbar.
  • Was passiert nach Vertragsschluss? Fristenüberwachung, Rechnungsprüfung und Ansprechpartner bei Problemen sind mindestens so viel wert wie der Abschluss selbst.

Häufige Fragen

Ab welchem Verbrauch lohnt sich Tranchenbeschaffung?

Als Richtwert ab etwa 10 Gigawattstunden Strom im Jahr. Darunter sind die Strukturkosten
meist höher als der Vorteil aus der Risikostreuung, und ein gut getimter Festpreisvertrag
fährt besser.

Können wir mehrere Standorte in einem Vertrag bündeln?

Ja, und in aller Regel lohnt es sich. Ein gebündeltes Portfolio erhöht das Volumen und damit
die Verhandlungsposition; zugleich sinkt der Verwaltungsaufwand, weil Fristen und Abrechnungen
zusammenlaufen. Die Lieferstellen können dabei in verschiedenen Netzgebieten liegen — die
Netzentgelte bleiben ortsabhängig, der Energiepreis wird gemeinsam verhandelt.

Wann sollte man mit der Beschaffung für das nächste Jahr beginnen?

Bei Tranchen- oder Portfoliomodellen 18 bis 36 Monate vor Lieferbeginn — dann steht ein
ausreichend langes Zeitfenster für die Abrufe zur Verfügung. Bei Festpreisverträgen sollten
Sie mindestens sechs Monate vor Vertragsende in die Ausschreibung gehen, um nicht unter
Zeitdruck zu verhandeln.

Was passiert, wenn wir mehr oder weniger verbrauchen als vereinbart?

Das regeln die Klauseln zu Mehr- und Mindermengen. Häufig gibt es einen Toleranzkorridor von
zehn bis zwanzig Prozent; darüber hinaus wird zum aktuellen Marktpreis abgerechnet — oft mit
Aufschlag zu Ihren Lasten. Diese Klausel ist einer der wichtigsten Punkte im Vertrag und wird
beim Preisvergleich fast immer übersehen.

Unsere Einschätzung

Der größte Hebel im Energieeinkauf großer Unternehmen liegt selten im letzten Zehntelcent des
Arbeitspreises. Er liegt darin, das Preisrisiko über die Zeit zu verteilen, Lieferstellen zu
bündeln und Verträge zu schließen, deren Nebenabreden man verstanden hat.

Wir bereiten Ausschreibungen so auf, dass Angebote tatsächlich vergleichbar werden, holen sie
am selben Stichtag ein und begleiten die Umsetzung. Wie das bei hohem Verbrauch konkret
aussieht, zeigen wir auf unserer Seite für Industriekunden
oder Sie fragen einfach unverbindlich an.

Wie sieht das in Ihrem Unternehmen aus?

Wir prüfen kostenlos und unverbindlich, wo bei Ihnen Spielraum liegt. Mit einem Blick auf Ihre Verträge, Ihren Verbrauch und den aktuellen Markt.